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Zur Stärkung bürgerschaftlichen Engagements in Vereinen und anderen Organisationen

Dr. Michael Bürsch, MdB - Rede im Deutschen Bundestag, am 22.02.2002 -

Bei der heutigen Debatte sind wir uns sicher in einem Punkt einig: Vereine müssen gestärkt werden, damit Bürgerinnen und Bürger ermutigt werden, sich für den Verein und ihre Mitmenschen zu engagieren. Die Enquete-Kommission wird mit ihren Empfehlungen deutliche Zeichen für ein vereinsfreundliches Klima in Deutschland setzen.

1. Vereine und andere Organisationen sind maßgebliche Träger der Bürgergesellschaft und des bürgerschaftlichen Engagements. Dies gilt zum einen quantitativ: Laut Freiwilligensurvey von 1999 gibt es in Deutschland rd. 22 Millionen Engagierte, die Hälfte davon in Vereinen und Verbänden. Qualitativ betrachtet, bilden Vereine und andere Organisationen den Kernbereich der Bürgergesellschaft: Sie ermöglichen gesellschaftliche Selbstorganisation und geben dem Dritten Sektor und Gewicht gegenüber Staat und Wirtschaft, geben dem Engagement Halt und Dauer, vermitteln und stärken soziale und bürgerschaftliche Kompetenzen (Verantwortungsübernahme, Konfliktfähigkeit, Gemeinwohlorientierung) und tragen dadurch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

2. Bürgerschaftliches Engagement ist nicht auf materiellen Gewinn gerichtet. Wer sich bürgerschaftlich engagiert, übernimmt Verantwortung für andere und handelt aus der Zugehörigkeit zum politischen Gemeinwesen als Bürgerin oder Bürger. Diese "freiwillige Selbstverpflichtung" schließt ein Eigeninteresse nicht aus, wohl aber das Motiv der materiellen Gewinnerzielung oder Existenzsicherung. Steht dies im Mittelpunkt, kann nicht mehr von bürgerschaftlichem Engagement die Rede sein.

Aus der Perspektive der Vereine heißt das: Ein zu großzügiger Umgang mit materiellen Vergütungen über die tatsächlich entstandenen Aufwendungen hinaus untergräbt die Freiwilligkeit bürgerschaftlichen Engagements und setzt unter Umständen eine Anspruchsspirale in Gang, die es immer schwerer macht, überhaupt noch Menschen für eine unentgeltliche Mitarbeit zu gewinnen. Daraus folgt: Eine Ausdehnung steuerfreier Vergütungen für bürgerschaftliches Engagement widerspricht letzten Endes dem Spezifikum bürgerschaftlichen Engagements, der Unentgeltlichkeit.

3. Die Vereine sind herausgefordert, sich in Organisation und Alltagspraxis auf gewandelte Motive und Erwartungen bürgerschaftlichen Engagements einzustellen : Ein genereller Rückgang der Bereitschaft, Verantwortung in Vereinen und anderen Organisationen zu übernehmen, lässt sich nach allen Erkenntnissen nicht feststellen. Allerdings verändern sich die Motive und Erwartungen der Engagierten: Eigeninteresse und Gemeinwohlorientierung gehen eine neue Verbindung ein, die zum Ausgangspunkt für veränderte Formen bürgerschaftlichen Engagements wird.

Viele Engagierte wollen keine langfristigen Bindungen mehr übernehmen; die Anforderungen an ihre Betreuung an Fortbildung und aus Mitgestaltungsmöglichkeiten steigen. In diesen veränderten Motiven liegt auch eine Hauptursache für Nachwuchsprobleme in manchen Bereichen des Ehrenamts wie z.B. im Sport. Das bedeutet: Für Vereine liegt eine entscheidende Aufgabe jetzt darin, "institutionelle Passungen" zu entwickeln: - d. h. die veränderten Motive und Erwartungen der Engagierten und die Anforderungen der Organisationen wie Verlässlichkeit und Kompetenz besser als bisher einander anzupassen.

4. Die Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements wird nicht vorrangig durch materielle Anreize gesichert, sondern durch die Entwicklung einer umfassenden Anerkennungskultur - in Vereinen und Verbänden ebenso wie in Wirtschaft und Verwaltung. Anerkennung kann sich in vielerlei Hinsicht zeigen: durch Ehrungen und symbolische Aufmerksamkeiten, aber noch mehr durch vielfache Formen von Wertschätzung und Würdigung, um deutlich zu machen, dass Engagement gewünscht, gewollt und möglich ist. Auch Weiterbildung ist eine Form der Anerkennung: Menschen, die sich engagieren, erwerben durch ihr Engagement vielfältige Kompetenzen; Qualifizierung im Engagement und für Engagement gewinnt zunehmende Bedeutung.

5. Der Bundesgesetzgeber kann Vereine und andere Organisationen durch die Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen stärken: Erstes und wichtigstes Ziel dabei ist der Schutz der Engagierten vor unkalkulierbaren Risiken, Schäden und Haftungen. Die Enquete-Kommission befindet sich z.Zt. in Gesprächen mit Verbänden und mit der Versicherungswirtschaft und wird dem Parlament zu diesem Thema im Abschlußbericht konkrete Handlungsempfehlungen unterbreiten.

Freiwilligkeit und Selbstorganisation sind zentrale Kennzeichen bürgerschaftlichen Engagements in Vereinen und anderen Organisationen der Bürgergesellschaft. Insofern sind die Organisationen selbst die ersten Akteure und Ansprechpartner, wenn es um die Entwicklung nachhaltig fördernder Strukturen für bürgerschaftliches Engagement geht. Der Staat wirkt hierbei vor allem ermöglichend und ermutigend: Während materielle Vergünstigungen einseitige und unter Umständen sogar falsche Anreize setzen, trägt die Stärkung des Schutzes für bürgerschaftlich Engagierte auch zur Verbesserung der institutionellen Rahmenbedingungen des Engagements bei.