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"Das Böse mit Gutem überwinden" - Gedanken zum Kosovo-Konflikt -

Predigt in der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Heikendorf - Dr. Michael Bürsch

1. Ausgangspunkt: Römerbrief des Paulus. (Römer 12, Vers 17, 18, 21)

"Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist`s möglich, soviel an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Laß dich nicht vom Bösem überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem"

Die Bibelstelle aus dem Römerbrief des Paulus besitzt eine unverkennbare politische Aktualität. Vor unserer Haustür, mitten in Europa, herrscht am Ende des 20. Jahrhunderts wieder Krieg. Und ausgerechnet Deutschland beteiligt sich zum ersten Mal nach einer über 50-jährigen, friedlichen Nachkriegsgeschichte direkt und unmittelbar an einer militärischen Auseinandersetzung.

Als Abgeordneter soll ich im Bundestag Mitverantwortung für das Vorgehen im Kosovo übernehmen - das heißt Mitverantwortung für die Wahrung von Menschenrechten, aber auch für den Einsatz von Gewalt, letztlich für Frieden oder Krieg in Europa.

Gerade für mich als Politiker stellt sich deshalb die drängende Frage nach der Legitimation, nach der Rechtfertigung unseres Handelns. Angesichts dieser Suche stellt das religiöse Gebot, Böses mit Gutem zu überwinden, auf den ersten Blick eine Zumutung, ja eine Provokation dar. Mit dem Prinzip der Feindesliebe und der vorbehaltlosen Friedfertigkeit, wie es in der Bergpredigt und im Römerbrief beschrieben wird, könne man nicht regieren, heißt es in diesen Tagen häufig von Seiten der Politik. Böses mit Gutem zu vergelten, sei ein edles, ein schönes Ideal, aber untauglich für die Praxis.

Doch verkennen wir auf diese Weise nicht den Sinn dieses für Pragmatiker so idealistischen, lebensfernen Gebotes? Ich will den Versuch unternehmen, die Empfehlung aus dem zwölften Kapitel des Römerbriefes aus der Sicht eines Politikers und kirchlichen Laien zu interpretieren und auf die Lebens- und Erfahrungswelt am Ende dieses schreckensreichen Jahrhunderts anzuwenden.

2. Politik, Kirche und Moral

Der Rat, Böses mit Gutem zu überwinden, ist aus der Warte der Gesinnungsethik, diesen Begriff hat der Soziologe Max Weber vor 80 Jahren geprägt, verständlich. Mit solchen Forderungen ist laut Weber "nicht zu spaßen": "ganz oder gar nicht, das gerade ist ihr Sinn". Das Gebot ist absolut, ohne Rücksicht auf die Folgen und "stellt den Erfolg Gott anheim".

Diese Unbedingtheit macht es jedoch dem handelnden Politiker schwer, denn er muß auch den Maßstab der Verantwortungsethik beachten: Er muß bei allem, was er entscheidet, die Konsequenzen seines Handelns, seines Tuns und Unterlassens, verantworten können. Wenn es Menschen gibt, die die rechtlichen und menschlichen Regeln des Zusammenlebens zum Schaden Anderer mißachten, muß deshalb als letzte Möglichkeit aus verantwortungsethischer Betrachtung auch Gegengewalt angewendet werden - als Nothilfe gegenüber Opfern und potentiellen Opfern.

Gesinnungsethik, wie sie uns in der Bergpredigt und vielen anderen Stellen des Neuen Testaments begegnet, und Verantwortungsethik, die dem politischen Handeln Maßstäbe gibt, schließen sich aber nach meiner Meinung nicht aus, sondern sollten im besten Falle zwei Seiten einer Medaille sein. Denn auch verantwortungsethisches Handeln ist Handeln in moralischer Absicht, kann Ausdruck der Gewissensnot sein, die uns bei einem Übermaß an Unmenschlichkeit und Grausamkeit nicht mehr friedfertig sein läßt. Das Böse mit dem Guten überwinden - wer dieses Prinzip ernst nimmt, kommt um Kompromisse nicht herum und muß einsehen, daß dieses Gebot im Alltag schwer durchzuhalten ist.

Wie oft scheitern wir am Anspruch der Friedfertigkeit und Gutmütigkeit schon im Alltäglichen, im Mitmenschlichen, bei der Arbeit, in der Familie, in der politischen Auseinandersetzung über vorletzte Fragen. Und dann soll ein solches Gebot maßgebliche Leitlinie sein, wenn es um Mord, Vergewaltigung und Vertrei-bung gegenüber Hunderttausenden Menschen geht?

Das Böse ist eine Realität. Es ist nicht einfach abzuschaffen. Und die Welt ist keine konfliktfreie, harmonische Welt. Es gibt, das setzt Paulus voraus, Feinde, es gibt Kampf, und es gibt Böses, das es zu überwinden gilt.

Warum scheint viel zu häufig das Böse zu siegen? Warum gibt es Krieg? Auf Fragen wie diese gibt es keine befriedigende Antwort. Das ist schwer auszuhalten. Und tatsächlich ist die befreiende Wirkung von Gewalt, durch die das Böse wenigstens mit Bösem überwunden wird, im Kosovo bislang nur schemenhaft zu erkennen.

Dennoch: Was wäre, wenn nicht eingegriffen worden wäre? Wären wir, wenn wir empörte, händeringende, aber tatenlose Zuschauer geblieben wären, mehr mit uns und unserem Gewissen im Reinen? Wer nicht eingreift, kann nicht viel falsch machen, aber unschuldig bleibt er nicht. Denn er weigert sich, Menschen zur Hilfe zu kommen, die schuldlos in Not sind.
Die Positionen der Kirchen zu dieser Frage sind weniger eindeutig, als die Radikalität der zitierten Bibelstelle vermuten ließe. Es gibt die Jahrhunderte alte Lehre vom "bellum iustum", dem gerechten Krieg. Demnach ist ein Krieg gerecht, wenn er mit dem Ziel geführt wird, ein Unrecht abzuwehren und den Rechtsfrieden wiederherzustellen und wenn die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt bleibt. Martin Luther schrieb in seiner Schrift "Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können": "So ist in diesem Stück das erste, das Kriegführen nicht recht ist ... es sei denn, daß es solchen Grund und solch Gewissen habe, daß man da sagen könne: Mein Nachbar zwingt und nötigt mich Krieg zu führen, ich wollts lieber sein lassen, auf das der Krieg nicht allein Krieg, sondern auch pflichtmäßiger Schutz und Notwehr heißen könne."
Auch die katholische Kirche hat 1967 in einer Enzyklika Gewaltanwendung ausnahmsweise für zulässig erklärt "im Fall der eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes ernsten Schaden zufügt". Allerdings hat Papst Paul VI 1975 diesen Standpunkt korrigiert und festgestellt, das die Kirche "jede Art von Waffengewalt nicht akzeptieren könne".
Jesus hat den Christen Gewaltlosigkeit geboten. Aber das Gebot der Nächstenliebe kann im Ausnahmefall auch die Überschreitung des Gebots zur Gewaltlosigkeit zur Folge haben, wenn es dem Nächsten wirklich dient. Denn auch in der christlichen Ethik geht es nicht in erster Linie um Prinzipien, sondern um das Wohl der einzelnen Menschen. Von dieser Haltung gibt auch Dietrich Bonhoeffer Zeugnis. Er stand lange dem christlichen Pazifismus nahe, trotz aller offenen Bösartigkeit des Regimes, das ihn peinigte. Am Ende aber beteiligte er sich an der Verschwörung zum Tyrannenmord am 20. Juli 1944. Die Unsicherheit darüber, welche Schritte notwendig und geeignet sind, um Unrecht und Gewalt dauerhaft zu überwinden, ist letzlich unter Christen und in den Kirchen ähnlich groß wie in der ganzen Gesellschaft.

3. Was bedeutet das Paulus-Wort für den Kosovo-Konflikt?

Für uns, die wir als Dritte dem Konflikt zwischen Serben und Kosovaren gegenüberstehen, stellt sich die Frage des rechten, des gerechten Handelns anders als für die unmittelbaren Streitparteien, für Serben und Kosovo-Albaner. Nicht nur wir sind Adressaten des Paulus-Spruches. Wie würde der Spruch in einem Luftschutzkeller in Belgrad gelesen? Wie in einem albanischen oder mazedonischen Flüchtlingslager? Für die Serben hieße es, die Vertreibung einzustellen, einen neuen, friedlichen Weg zu wählen im Miteinander mit den Kosovaren. Für die Serben sind wir, sind die Nato, Deutschland und seine Verbündeten das Böse. Und diese Betrachtung ist nachvollziehbar: denn wir bekämpfen das Böse mit Bösem, mit Zerstörung, Tod und Leid. Die Ausrichtung der Gewalt auf ein gutes Ziel macht sie vielleicht politisch gerechtfertigt. "Gut" im Sinne von Paulus wird sie dadurch noch nicht.

Dennoch sollen die Serben dem Guten folgen: eine unerhörte Forderung stellt Paulus auch an sie. Und wie sollen die Kosovo-Albaner den Paulus-Spruch lesen? Paulus schrieb seinen Brief an die christliche Gemeinde im römischen Reich. Es war eine Anleitung für die schwächere Minderheit, wie sie sich gegenüber der übermächtigen Staatsgewalt verhalten sollte. Nun sind die Flüchtlinge aus dem Kosovo zwar überwiegend islamischen Glaubens, weshalb wir den Anspruch, den die Bibel an uns Christen stellt, nicht ohne weiteres auf sie übertragen können. Doch auch der Koran kennt ja das Gebot der Feindesliebe und des Verzichts auf Vergeltung.

Auf die Flüchtlinge als die ersten und unschuldigsten Opfer trifft die Aufforderung, Böses mit Gutem zu überwinden, am ehesten zu: sind sie es doch, die unmittelbar der serbischen Unterdrückung und Vertreibung ausgesetzt sind. Sollen wir auch ihnen zumuten, das Böse mit Gutem zu überwinden? Für den Moment mag uns diese Forderung noch utopischer, noch unrealistischer erscheinen als der Appell an unsere eigene Friedfertigkeit. Doch für die nahe Zukunft, für die Zeit nach dem Krieg erhält sie neue Aktualität. Dann wird es darauf ankommen, daß sich Kosovo-Albaner und Serben einander endlich mitmenschlich begegnen. Ein wirkliches Miteinander zwischen Serben und Albanern allerdings ist nach allem, was geschehen ist, für lange Zeit kaum denkbar. Wie schwer dies ist, zeigen nicht nur der fortbestehende Haß und das Klima der Unversöhnlichkeit, wie sie in Bosnien-Herzegowina herrschen. Auch Deutsche und Polen haben viele Jahre, ja Jahrzehnte benötigt, damit Wunden vernarben und gegenseitiges Vertrauen in das Gute wachsen konnten.

Gerade unsere eigene Geschichte lehrt uns viel über die Ursachen und die Folgen von Krieg und Vertreibung. Sie zeigt uns, daß das Gute sich einerseits nur mühselig Bahn bricht - das am Ende aber doch Versöhnung stehen kann! Doch wir sollten uns nichts vormachen: die erste Voraussetzung für diese Versöhnung war, daß dem Bösen zuerst die Waffe mit Gewalt aus der Hand geschlagen wurde. Die bisher von Politik und Gesellschaft nicht abschließend beantwortete Kernfrage im Kosovo-Konflikt lautet: Darf zur Durchsetzung von Menschenrechten, anders gesagt: zur Überwindung des Bösen, auch Gewalt angewandt, darf Krieg geführt werden?

Ich beantworte diese Frage mit ja, allerdings unter drei Voraussetzungen: Vor der Anwendung von Gewalt müssen alle, aber auch wirklich alle Möglichkeiten der friedlichen Konfliktlösung versucht worden sein.

  1. Die Gewalt muß - auch nach ethischen Maßstäben - als letzte Möglichkeit des Eingreifens, das heißt als ultima ratio unvermeidbar sein.
  2. Die Gewalt zur Durchsetzung von Menschen rechten und der Vermeidung von Vertreibung und Völkermord darf nach rechtsstaatlichen Maßstäben nur im erforderlichen Umfang angewandt werden. Zwingend geboten ist also Angemessenheit, was Mittel, Dauer und Intensität von Gewaltanwendung angeht.

Urteilt man nach diesen drei Kriterien, dann war der Beginn militärischer Gewalt am 24. März aus meiner Sicht gerechtfertigt. Aber nicht alles, was seit dem geschehen ist und geschieht, kann trotz dieser grundsätzlichen Rechtfertigung gut geheißen werden. Kritische Fragen sind angebracht:

  • Ist es zur Erreichung des gesetzten politischen Ziels, die Vertreibung der Kosovaren zu verhindern, wirklich notwendig, Rundfunk, Brücken, Stromversorgung und Wasserleitungen zu zerstören?
  • Tun wir wirklich alles, um zivile Opfer zu vermeiden?
  • Ist es wirklich unausweichlich, die Angriffe von Tag zu Tag zu verstärken, anstatt über die vielleicht doch deeskalierende Geste einer befristeten Waffenruhe nachzudenken?

Die eingesetzten Mittel stehen für mich sowohl bei juristischer als auch bei moralischer Bewertung in mancher Hinsicht nicht in einem vertretbaren Verhältnis zum angestrebten Zweck und Ziel, die Vertreibung zu beenden und die Rückkehr der Flüchtlinge zu ermöglichen. Und müssen wir uns nach über sechzig Tagen erfolgloser Luftangriffe nicht auch fragen, ob nicht wir es sind, denen das Prinzip mehr zählt als das Ergebnis des Handelns? Moralisierender Überschwang kann schnell alle Zweifel an etwas Fragwürdigem wie dem Einsatz militärischer Gewalt wegdrücken. Jeder Krieg, auch dieser Krieg, dokumentiert ein Scheitern der Politik, das der Anwendung von Gewalt voran gegangen ist. Er ist Ausdruck auch unseres Versagens. Zu lange schon wurden die Kosovo-Albaner unterdrückt, verfolgt und entrechtet; es hat mindestens seit 1992 viele Anzeichen und genügend warnende Stimmen gegeben, die auf die drohende Katastrophe im Kosovo hingewiesen haben. Aber die Politik war mit dem Befrieden der schon eskalierten Situation in Bosnien und anderswo beschäftigt; und ohne Bilder von Flüchtlingen, ohne die Schilderungen schlimmster Grausamkeiten erreicht man nicht die katastrophengewöhnte Öffentlichkeit. Das alltägliche, jahrelange Unrecht im Kosovo konnte kein Interesse wecken, kein Herz aufschließen.Es rächt sich nun, daß im Westen in den vergangenen Jahren eine wachsende Bereitschaft zur militärischen Lösung mit sinkendem Interesse einhergeht, die für ein funktionierendes Völkerrecht notwendigen Institutionen zu schaffen oder auszubauen.

Wir alle, Politiker und Bürger, verantworten diesen Krieg, es ist unser Krieg, mit aller Last der Verantwortung, die uns niemand abnehmen kann. Zweifellos wird beim Vorgehen im Kosovo auch Gutes getan: Das Gute: das waren in der Vergangenheit unzählige Verhandlungen und Appelle; das Gute gewollt haben auch die unbewaffneten OSZE-Beobachter im Kosovo, die Hinrichtungen und Brandschatzungen hilflos mit ansehen mußten. Das Gute: das ist die Hilfe für die Hunderttausenden Flüchtlinge; daß sie sich nicht allein gelassen fühlen in ihrer unbeschreiblichen Not. Wir tragen aber eben auch die Verantwortung für Böses, etwa für die versehentliche Bombardierung von Flüchtlingstrecks im Kosovo. Und wenn die Nato die Stromversorgung ausschaltet, treffen die Folgen das Militär ebenso wie die Geburtsstation im Krankenhaus. Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: dieser Krieg, der in unserem Namen geführt wird, macht uns schuldig. Aber auch das tatenlose Zusehen und ergebnislose Appellieren hätte uns schuldig gemacht. Als Menschen, als Christen sind wir unvollkommen und fehlbar. Dem Leid und dem Bösen stehen wir allzu oft ohnmächtig und hilflos gegenüber. Das wußte niemand besser als Paulus. Er schreibt im achten Kapitel des Römerbriefes: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, tue ich.

4. Schon jetzt mögliche und nötige Schlußfolgerungen aus dem Krieg im Kosovo

Das Ziel von Friedens- und Menschenrechtspolitik muß sein, soviel und solange wie möglich "Böses mit Gutem zu überwinden", d.h., Frieden zu schaffen ohne Gewalt.

  • Dafür wäre vor allem nötig, die Konfliktvermeidungsstrategien auszubauen und zu fördern. Ein Bundeshaushalt, der knapp 50 Milliarden Mark für das Militär und fünf Millionen Mark für zivile Konfliktvermeidung ausgibt, macht das bestehende Ungleichgewicht deutlich.
  • Weiterhin müssen wir Institutionen schaffen und stärken, die Frieden und die Wahrung von Men-schenrechten notfalls auch mit allseits, d. h. von allen Beteiligten, anerkannten Sanktionsmecha-nismen erzwingen können. In einer Welt, in der Gut und Böse nicht immer leicht zu unterscheiden sind, werden Recht und anerkannte Institutionen immer wichtiger. So könnte das Wort von Paulus im übrigen eine zeitgemäße Auslegung erhalten: Indem zum Guten, mit dem wir Böses überwinden, auch die Rechtsstaatlichkeit gerechnet wird also das rechtsstaatliche Verfahren gegen Menschenrechtsverstöße und rechtsstaatlich erzwungene Sanktionen gegen die Täter, die für "ethnische Säuberungen" und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind.
Politisch ziehe ich aus dem Kosovo-Krieg schon jetzt eine weitere Konsequenz: Wir Europäer müssen in der Lage sein, unsere eigenen europäischen Probleme, das heißt auch Konflikte, im europäischen Rahmen und mit rechtsstaatlichen Mitteln zu lösen, z.B. durch die Stärkung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

5. Persönlicher Ausblick

Auch ich wünsche mir eine friedliche Welt, in der Menschenrechte geachtet werden und keine Vert-reibung und Mißachtung von Minderheiten stattfindet. Solange es aber den "menschlichen Faktor" gibt, Politik mitunter auch von verantwortungslosen, menschen-verachtenden Menschen gemacht wird, kommen wir nach meiner Einschätzung und Lebenserfahrung ohne ein allerletztes Drohpotential von Gewalt nicht aus. Mein Ziel: Die Vorsorge deutlich verbessern, das bedeutet: alle Phantasie darauf verwenden, wie und wie lange Gewalt zur Durchsetzung von Menschenrechten vermieden werden kann. Damit es in Zukunft möglichst nur bei der Androhung von Gewalt bleibt, aber nicht zum Einsatz von Gewalt kommt. Hierbei sind wir alle gefordert: bei den Fragen von Krieg und Frieden kann es keine Zuschauerdemokratie geben. Hier muß auch in der deutschen Gesellschaft ein Umdenken beginnen. Schon Goethe beschrieb im Faust trefflich die Form der Zuschauerdemokratie, die wir nach wie vor allzu gern praktizieren, auch beim Krieg im Kosovo.

Ein Bürger:
Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus,
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried` und Friedenszeiten

Ein anderer Bürger:
Herr Nachbar, ja! So laß ich`s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinandergehn;
Doch nur zu Hause bleib`s beim Alten.

Dieser naive Wunsch wird sich jedoch kaum erfüllen. Wie sollte bei uns "zu Hause alles beim Alten bleiben", wenn wenige tausend Kilometer entfernt Krieg herrscht, Menschen vertrieben, vergewaltigt und umgebracht werden?

Dieser Krieg wird unser Bewußtsein verändern; dessen bin ich sicher. Wir sind nicht länger Zuschauer, als die wir uns etwa beim Irak-Krieg noch fühlen konnten, wir Deutsche sind Teilnehmer geworden. Diese Teilnahme ist freilich zunächst und vor allem eine politische Entscheidung. Aber Politik wird nicht nur von Regierungsmitgliedern und Abgeordneten gemacht; sie ist auch Sache von uns allen - Politikern wie Bürgern. Und wir alle müssen uns stärker noch als bisher um die Entwicklung einer zivilen politischen Kultur und Gesellschaft bemühen. Zum Frieden fähig ist eine Gesellschaft - im nationalen wie im internationalen Rahmen - nur dann, wenn sie mit Konflikten umgehen und sie bewältigen lernt und ohne Gewalt auskommt, wenn sie also, um mit Paulus zu sprechen, tatsächlich lernt, das Böse mit Gutem zu überwinden.