toplinks

Start
Profil
Themen
Termine
Eine Woche
Links
Kontakt
akzente
Impressum
btfraktion


    © 2000 by Christiani

toprechts

Veröffentlicht im Kursbuch 157 beim Rowolth-Verlag - August 2004

Für mich, für uns, für alle

Die Wiederentdeckung der Solidarität als Bürgergesellschaft


In schwierigen Zeiten wie diesen schlägt die Stunde der gnadenlosen Vereinfacher. Da bringt der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds die unübersehbaren Probleme der deutschen Sozialsysteme auf den kleinsten Nenner mit dem größten Neidfaktor: "Sozialabbau ist Mist. Lasst es einfach sein!"

Da entfacht die Zeitung mit den großen Buchstaben eine Wutkampagne nach der anderen, gegen Praxisgebühren, gegen die Ökosteuer und gegen fast jede Reform aus Berlin. Auch die Bundesregierung trägt nur wenig zur Wahrheitsfindung bei, wenn sie etwa in Broschüren des Bundespresseamtes mit amtlichem Brustton suggeriert, das Allheilmittel gegen die Krise gefunden zu haben: "Die Agenda 2010 stärkt die Wachstumskräfte unserer Wirtschaft. Sie sichert den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Sie erneuert den Sozialstaat, damit er auch künftig in Notlagen und bei Bedürftigkeit helfen kann". Und was will uns das Kursbuch 157 mit dem Titel "Die große Entsolidarisierung" sagen: Kündet hier eine hellsichtige Kassandra von nahenden Katastrophen? Steht Deutschland am sozialen Abgrund?

Meine Alternative zu Entsolidarisierung, schlankem Staat, Ich-AG, Neoliberalismus und Nörgelspirale lautet: Bürgergesellschaft. Denn mit Bürgergesellschaft und dem Sozialkapital (Robert D. Putnam), dem gegenseitigen Vertrauen, was sie schafft, ist für mich politisch das beschrieben, was gesellschaftlichen Aufbruch ermöglicht. Und was insofern - anschlussfähig an die Traditionslinien des deutschen Sozialstaats seit Bismarck - als neue (sozial)politische Leitidee mindestens für die nächsten 100 Jahre taugt.

Allen Unken zum Trotz: das Engagement blüht

Bürgergesellschaft, dieses vielbeschworene Tertium neben Staat und Markt, steht für eine Vielzahl von Organisationen und Organisationstypen: Vereine und Verbände, Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftsinitiativen, karitative Organisationen, soziale Bewegungen, NGOs und Netzwerke, Parteien und Gewerkschaften, Stiftungen mit gemeinnütziger Zielsetzung und so weiter.

Diese nicht-staatlichen und nicht-kommerziellen Organisationen bilden den institutionellen Kern, und starke Bürger-Gesellschaften zeichnen sich durch einen hohen Organisationsgrad aus. Ohne eine solche Infrastruktur hingegen bleiben sie schwach, punktuell und unfähig zur Bewegung. Wer sich jedoch zu sehr auf die institutionalisierte Dimension von Bürgergesellschaft konzentriert, läuft Gefahr, eine zweite unverzichtbare Ressource gesellschaftlicher Entwicklungen zu übersehen: Die Bürger und ihre freiwilligen, selbstorganisierten Leistungen für das Gemeinwohl, also das bürgerschaftliche Engagement als ein unverzichtbarer Bestandteil von lebendiger Demokratie und auch von Solidarität und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

22 Millionen Bürgerinnen und Bürger sind in Deutschland bürgerschaftlich engagiert - sie organisieren Kinderbetreuung, engagieren sich bei Feuerwehr oder im Sportverein, geben unentgeltlich Sprachkurse für Ausländer oder schließen sich zu Selbsthilfegruppen zusammen. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung von 82 Millionen heißt das, dass jeder dritte Deutsche über 14 Jahre für das Gemeinwohl aktiv ist. Auffällig ist dabei übrigens ein deutliches Gefälle zwischen der ehemaligen DDR zur früheren Bundesrepublik. Noch heute, ein gutes Jahrzehnt nach der Einigung Deutschlands, ist die Engagementquote im Osten Deutschlands mit 28 Prozent deutlich niedriger als im Westen (35 Prozent).

Die Gründe für dieses Ost-West-Gefälle sind vielfältig; ein zentrales Motiv ist wohl die einstige Zwangsmitgliedschaft in den staatsnahen und staatlich gelenkten Massenorganisationen, die tendenziell alle Lebensbereiche erfassten und die Engagementbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger nachhaltig beeinträchtigt haben. Dafür ist das Engagementpotential unter den Jugendlichen in Ostdeutschland heute übrigens umso höher (40 Prozent im Vergleich zu 32 Prozent in Westdeutschland). Insgesamt haben diese empirischen Befunde, die der Freiwilligensurvey von 1999 ergeben hat, die Lebendigkeit der Bürgergesellschaft in Deutschland belegt und zugleich landläufige Unkenrufe wirkungsvoll entkräftet, dass die Engagementbereitschaft der Deutschen im Zuge der Individualisierung von Lebenslagen abgenommen habe.

Menschen engagieren sich in hohem Ausmaß durch alle Altersgruppen (allerdings bislang mit einem deutlichen Schwerpunkt in der Mittelschicht: Erwerbslose sind in der aktiven Bürgergesellschaft ebenso unterrepräsentiert wie Migranten und Angehörige von sozialen Problemgruppen). Gleichwohl sind in den letzten Jahren Veränderungen in den Handlungszusammenhängen und Motiven bürgerschaftlichen Engagements zu beobachten: Während Menschen sich früher typischerweise langfristig einer bestimmten Organisation verpflichteten und "ihrem" Verein ein Leben lang verbunden blieben, engagiert man sich heute eher kurzfristig und projektgebunden. Engagement muss zur jeweiligen Lebenssituation passen und verändert sich mit den Lebensbedingungen. Bürgerschaftlich Engagierte orientieren sich bei ihren Aktivitäten sowohl am Eigeninteresse wie auch am Nutzen für die Gesellschaft, frei nach dem Motto: "Für mich, für uns,für alle." Und sie verbinden heute mit ihren Aktivitäten weit stärker als früher Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung.

Während sich die Engagierten früher bereitwillig(er) in vorgegebene Organisations- und Weisungsstrukturen einfügten, soll das bürgerschaftliche Engagement heute einen selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Erfahrungs- und Handlungsraum eröffnen, in dem eigene Vorstellungen und Gestaltungsideen realisiert werden können.

Die neuen Freiwilligen stellen also hohe Anforderungen an Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in und durch zivilgesellschaftliche Organisationen und setzen damit sowohl diese Organisationen selbst als auch die politischen Entscheidungsträger in öffentlichen Verwaltungen, Parlamenten und Regierungen von der kommunalen bis zur föderalen Ebene unter neuen Reformdruck: Selbst- und Mitbestimmungsansprüche der Freiwilligen verlangen Modernisierungs- und Demokratisierungsprozesse in Staat und Gesellschaft und eine große Offenheit gegenüber den Bedürfnissen der Freiwilligen.

Wer sagt, was gut für alle ist?

Die Leitidee von Bürgergesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement bedeutet den Abschied von der Vorstellung, der Staat sei allzuständig, und die Öffnung für Autonomie, Gestaltungskompetenz und Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Dahinter steht nicht etwa der programmatische Rückzug des Staats auf seine - wie auch immer zu bestimmenden - Kernaufgaben. Ziel ist vielmehr ein neues Verhältnis zwischen staatlichen und bürgergesellschaftlichen Akteuren, das nicht in Kategorien staatlicher Planung und Steuerung von gesellschaftlichen Prozessen definiert wird, sondern im Sinne einer neuen, kooperativen und partnerschaftlichen Verantwortungsteilung:

Der Staat bleibt in der (Gewährleistungs?)Verantwortung, nimmt sich aber immer dann zurück, wenn Bürgerinnen und Bürger eine Aufgabe in Eigenregie übernehmen wollen und können, und öffnet im übrigen seine Institutionen für die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger. Stärkung der Bürgergesellschaft bedeutet also zugleich ein verändertes Verhältnis zwischen Staat und (Bürger-)Gesellschaft und Veränderungen in den staatlichen Aufgaben und Institutionen.

Seitens der staatlichen Akteure ist in den letzten Jahren das Problembewusstsein gewachsen, dass sie die Aufgabe einer Steuerung gesellschaftlicher Entwicklungen nicht allein bewältigen können. Dies liegt nicht allein an der Finanznot der öffentlichen Hand. Weit entscheidender sind zwei weitere Faktoren: Die Komplexität des gesellschaftlichen Lebensprozesses, der sich steuernden Eingriffen immer stärker entzieht. Vor allem aber die wachsende Differenzierung und Individualisierung von Bedürfnis- und Interessenlagen der Bürgerinnen und Bürger. Staatliche Leistungsangebote, die zu den Lebens- und Interessenlagen der Bürgerinnen und Bürger passen sollen, können immer seltener in staatlicher Planungshoheit entworfen werden; zu passgenauen Leistungen werden sie erst durch die Zusammenarbeit mit den betroffenen bürgergesellschaftlichen Akteuren.

Die Bürgerinnen und Bürger wiederum treten immer öfter nicht nur als Kunden staatlicher Leistungsangebote auf, sondern als selbstbewusste und kenntnisreiche Gestalter ihrer eigenen Lebenssituation, die ihre Bürgerrolle aktiv im Sinne von Verantwortungsübernahme und Beteiligung interpretieren und wahrnehmen. Nicht der Staat und seine Verwaltungen definieren deshalb, was gut für alle ist, sondern zuallererst die Bürger selbst. Ein Gewährleistungsstaat schafft Beteiligungsmöglichkeiten und versetzt die Menschen darüber hinaus auch in die Lage, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und an Problemlösungen mitzuwirken.

Wenn sich die Beziehung zwischen Bürgerinnen und Bürgern und dem Staat verändern soll, müssen sich Staat und Verwaltung gegenüber der Gesellschaft, gegenüber bürgerschaftlichem Engagement öffnen. Denn die Bürgergesellschaft kann nicht dort enden, wo staatliche Macht beginnt. Der Bürger ist mehr als Kunde, er ist Mitgestalter seines Gemeinwesens. Konzepte zur Modernisierung der Verwaltungen in Bund, Ländern und Gemeinden müssen an dem Maßstab geprüft werden, ob sie den Bürgern die Möglichkeit bieten, nicht nur als Leistungsempfänger oder Kunde mit staatlichen und kommunalen Einrichtungen in Kontakt treten, sondern auch als Bürger mitgestalten, mitreden, kritisieren und Mitverantwortung übernehmen zu können. Denn: die Offenheit von öffentlichen Einrichtungen und Angeboten für bürgerschaftliches Engagement bemisst sich weniger an der Zahl derjenigen, die ehrenamtlich mitarbeiten.

Ungleich wichtiger ist die Frage, inwieweit es gelingt, diese Institutionen tatsächlich in Gesellschaft und lokales Umfeld einzubetten. Engagementfreundlichkeit bedeutet die Entwicklung einer bürgerschaftlich geprägten, beteiligungsorientierten Kultur des Planens und Entscheidens. Die Entwicklung solcher Handlungskompetenzen bei den Akteuren in Politik, Verwaltung und Bürgergesellschaft bildet eine wichtige Aufgabe für eine zukünftige Engagementpolitik.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

Für die neue Verantwortungsteilung zwischen Bürgergesellschaft und Gewährleistungsstaat ist der soziale Bereich von exemplarischer Bedeutung. Dabei gewinnt die Erbringung sozialer Leistungen durch bürgerschaftliches Engagement zusehens größeres Gewicht: von den Aktivitäten der Wohlfahrtsverbände bis zum Renovieren eines Klassenraums durch Schüler und Eltern. Außerdem kann das Konzept der Bürgergesellschaft wichtige reformpolitische Orientierungen bei der Modernisierung des Sozialstaats geben.Deutschland hat sich mit dem Grundgesetz von 1949 zur sozialen Marktwirtschaft bekannt. Schon deshalb kann die Antwort auf die finanzielle Überlastung des Sozialstaats nicht in einer totalen Privatisierung von Lebensrisiken liegen.

Darüber hinaus verbessert die soziale Sicherung durch gesellschaftliche Solidarität und staatliche Garantien die Chancengerechtigkeit, erhöht die Lebensqualität und stärkt Demokratie und auch Wirtschaft. Der Sozialstaat in dieser Funktion und mit diesem Anspruch, eine staatliche Absicherung gegen individuelle Lebensrisiken zu geben, darf nicht zur Disposition stehen.

Gleichwohl steht der Sozialstaat vor großen Herausforderungen: Während eine zahlenmäßig immer stärkere ältere Generation und viele Arbeitslose auf Sozialleistungen angewiesen sind, geht die Zahl der Beitragszahler ebenso zurück wie das für sozialpolitische Zwecke disponible Steueraufkommen. Das Resultat sind die bekannten Finanzierungsschwierigkeiten und eine Modernisierungs-Diskussion, die vor allem um Kostensenkungen und Leistungskürzungen kreist - eine Perspektive, die, zumal aus bürgergesellschaftlicher Sicht, zu kurz greift.

Die Zukunftsfrage sollte nicht lauten, ob beziehungsweise wie viel Sozialstaat wir uns noch leisten können oder wollen, sondern, wer die notwendigen und gesellschaftlich erwünschten Sozialleistungen künftig erbringt: der Markt, der Staat oder Netzwerke bürgerschaftlicher, gegenseitiger Hilfe, ermöglicht durch freiwillige, praktische Solidarität. Die richtige Antwort lautet: die Mischung macht's - alle drei Sektoren können und sollen einen sinnvollen Beitrag zur Bewältigung sozialer Aufgaben leisten, indem sie in eine solche Sozialarbeits-Teilung das einbringen, was sie am besten können und was ihre jeweilige Stärke ausmacht. Die richtige Modernisierungsstrategie liegt in einer neuen Verantwortungsteilung zwischen Staat und Bürgergesellschaft, bei der Rechte und Pflichten zwischen Bürgern einerseits, dem Staat andererseits neu definiert und verteilt werden.

Um auch hier Missverständnissen vorzubeugen: Diese neue Verantwortungsteilung betrachtet den Bürger nicht als Lückenbüßer für den Staat, der sich wegen Finanznot aus allen möglichen Aufgaben zurückzieht, sondern als Mitgestalter seines Gemeinwesens sowie als Koproduzent öffentlicher Güter, der aus eigenem Interesse und Antrieb seinen eigenen Beitrag zu Gemeinwohl und Gemeinwesen leistet. Aufgabe des Staats bleibt es in diesem Arrangement, dafür zu sorgen, dass bestimmte Standards bei sozialen Leistungen gewahrt bleiben und dass ein menschenwürdiges Leben weder den Widrigkeiten des Markts noch den Zufällen des zivilgesellschaftlichen Engagements überlassen bleibt, dass es also auch weiterhin soziale Bürgerrechte gibt, die dem Einzelnen zuverlässig und unanfechtbar die Führung eines freien und selbstbestimmten Lebens ermöglichen.

Eigeninitiative aus Not in allen Ehren: Es gibt nicht wenige Menschen und Gruppen in unserer Gesellschaft, die vorübergehend oder dauerhaft auf die Hilfe karitativer Organisationen angewiesen sind. Und es gibt gerade im sozialen Bereich beeindruckende Beispiele von Hilfe und Selbsthilfe: die Tafeln, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilen, die Obdachlosenzeitungen, die so manchem Zeitungsverkäufer Rückwege in eine selbstgesichertere Existenz eröffnen, und selbstverständlich das karitative Engagement der Wohlfahrtsverbände, der Kirchen und so weiter.

Es ist jedoch eine der großen Errungenschaften des europäischen Sozialstaats gegenüber anderen karitativen Traditionen etwa im angelsächsischen Kontext, die Bedürftigen mit sozialen Bürgerrechten auszustatten, die ihnen ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Leben ermöglichen sollen, unabhängig von den thematischen Konjunkturen bürgerschaftlicher Hilfe, die heute Kriegsflüchtlingen auf dem Balkan, morgen Flutopfern im Osten Deutschlands und übermorgen Straßenkindern in den Slums der Dritten Welt gilt.

Dessen ungeachtet bedeutet die neue Verantwortungsteilung von Staat und Bürgergesellschaft gerade im sozialpolitischen Bereich, dass Partizipation und Mitverantwortung der Bürgergesellschaft nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden. Mitverantwortung für Gemeinschaftsaufgaben und Gemeinwohl ist Bürgerpflicht nicht minder als Bürgerrecht. Teilhabechancen sollen auch genutzt werden. Und soziale Leistungen müssen nicht notwendig allein vom Staat erbracht werden. Das alte Prinzip der Subsidiarität, derzeit nicht selten Rechtfertigungsritual für verkrustete Verbandsmacht und festgefahrene Förderkartelle, wäre neu auszubuchstabieren. Und der Sozialstaat muss seine Einrichtungen für bürgerschaftliches Engagement (wieder) öffnen, ist dieses doch im Laufe der Zeit aus sozialstaatlichen Kernbereichen wie Krankenhaus oder Bildungseinrichtungen fast vollständig verschwunden.

Was jetzt vor allem gebraucht wird, ist ein grundlegender Bewusstseins- und Mentalitätswandel: Die vor 100 Jahren geprägte Handlungsorientierung am Wohlfahrtsstaat muss in gesellschaftliche Lebensformen sozialer Mitverantwortung umgewandelt werden.

Schluß mit der Zuschauerdemokratie

So wenig die Bürgerinnen und Bürger bei politischen Entscheidungen in der Demokratie nur passive Zuschauer staatlichen Handelns sein sollen, so wenig sind sie bloße Anspruchsberechtigte und Empfänger sozialstaatlicher Leistungen. Der Gewährleistungsstaat geht nicht nur von einer begrenzten eigenen Steuerungskapazität aus, sondern vor allem von einem anspruchsvollen Bild der Bürgerin und des Bürgers.

Menschen gelten in diesem Modell als ansprechbar und kooperationsbereit in politischen Belangen; sie identifizieren sich mit ihrem Status als Mitglieder des politischen Gemeinwesens und akzeptieren, dass mit dieser Rolle neben Rechten auch Verantwortlichkeiten verbunden sind. Damit verändert sich das Verhältnis zwischen Sozialstaat und Bürgern. Als Beteiligte mit Ressourcen oder als engagierte Mitglieder privater Netzwerke und gesellschaftlicher Assoziationen gewinnen die Bürger eine Bedeutung, die über die Rolle des Klienten sozialstaatlicher Institutionen weit hinausgeht.

Der Grundsatz "fördern und fordern" ergibt nur vor diesem Hintergrund Sinn: Wer aktive Eigenbeiträge einfordert, setzt ein entsprechendes Vermögen voraus, das wiederum gefördert werden muss. Die Idee des aktivierenden gewährleistenden Staats ist dynamisch - nur im Wechselspiel von Anspruch, Wirklichkeit und Lernprozess kann er sich entfalten. Sicherlich weckt diese optimistische Darstellung einige Zweifel: Ist es nicht blauäugig oder sogar zynisch, die Menschen, die aus den verschiedensten Gründen auf den Sozialstaat angewiesen sind, auf ihre eigenen Ressourcen und Kompetenzen zu verweisen?

Sind diese Menschen nicht gerade deshalb auf den Staat angewiesen, weil ihre Ressourcen nicht ausreichen, um im Erwerbsleben Fuß zu fassen? In der Tat darf bei der Betonung von Selbsthilfepotenzialen und solidarischen Netzwerken eins nicht vergessen werden: Für die Beteiligung in der Bürgergesellschaft sind die Chancen offenkundig noch ungleich verteilt - nicht nur im Hinblick auf Wohlstand und Bildung, sondern auch im Hinblick auf die Teilhabe an Kontakten, Netzwerken, an Zugängen zur Öffentlichkeit. Untersuchungen wie der Freiwilligensurvey von 1999 haben ergeben, dass sich diejenigen überdurchschnittlich häufig engagieren, die ein höheres Bildungsniveau und einen Arbeitsplatz haben.

Eine Förderung von bürgerschaftlichem Engagement, die blind ist für soziale Ungleichheit, läuft Gefahr, unfreiwillig und ungewollt die Durchsetzungschancen für bessergestellte Bevölkerungsgruppen weiter zu stärken auf Kosten derjenigen, die den Sozialstaat als Anwalt schwach vertretener Interessen besonders brauchen. Das heißt: Die Sozialpolitik eines Gewährleistungsstaats kann nicht nur an vorhandenen Ressourcen anknüpfen; sie muss bereit sein, die Bildung von Kompetenzen gerade bei Benachteiligten aktiv zu unterstützen.

Es geht um "Empowerment", um Befähigung oder "Ermächtigung" im Sinne von Ausstattung mit Macht. Unter dieser Perspektive besteht der Kern der Sozialpolitik nicht in der finanziellen Unterstützung, die nicht selten neue Abhängigkeiten schafft und langfristig zementiert anstatt alte aufzuheben, sondern darin, Zugänge zu Bildungsprozessen zu gewährleisten, das Selbstbewusstsein und die vorhandenen solidarischen Beziehungen zu stärken. "Hilfe zur Selbsthilfe" ist auch hier das richtige Motto.

Selbsthilfe und Solidarität - die Mischung macht´s

Bürgerschaftliches Engagement ist kein Ersatz für staatliches Handeln, sondern eine (allerdings unverzichtbare!) Ergänzung. Es leistet einen Beitrag eigener Art zur Qualität und Passgenauigkeit sozialstaatlicher Leistungsangebote. Worin liegt nun aber die besondere Qualität bürgerschaftlichen Engagements, die die Versorgung gegenüber dem professionellen, staatlich organisierten Sozialsystem verbessert?

Ein Vertreter ehrenamtlicher Tätigkeit hat die besondere Qualität oder Produktivität bürgerschaftlichen Engagements einmal so ausgedrückt: "Profession schafft Distanz, Krise braucht Nähe und Menschlichkeit." Hauptamtliche im Sozialsektor sind zweifellos nicht "von Amts wegen" distanziert oder ohne menschliches Mitgefühl. Sie gehorchen jedoch einer anderen Handlungslogik, sind eingebunden in professionelle Strukturen, in institutionelle Zwänge und in ein immer engeres zeitliches Korsett.

Die professionellen Kräfte bewältigen die Pflicht, während die Freiwilligen die Zeit und die Freiheit haben, sich der Kür zu widmen: der Zuwendung, dem Gespräch, dem Außeralltäglichen und Außerplanmäßigen. Wer sich freiwillig engagiert, hat es also oft leichter, Nähe zu schaffen und Vertrauen aufzubauen - und gibt gerade dadurch der Pflege oder anderen sozialen Leistungen eine besondere Qualität. Bürgerschaftliches Engagement ist, so verstanden, die lebendige Seite des Sozialstaats.

Ein anderes Beispiel, an dem sich diese spezifische Qualität bürgergesellschaftlicher Beiträge verdeutlichen lässt, ist die Selbsthilfe im Gesundheitswesen. Es gibt unter den chronisch Kranken, den Schwerkranken und den Menschen mit Behinderungen eine wachsende Anzahl von Menschen, die sich in Selbsthilfegruppen organisieren: Schätzungen für Deutschland gehen von etwa drei Millionen Menschen in rund 70.000 bis 100.000 Selbsthilfegruppen aus. Das heißt, rund fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands engagieren sich bereits in der Selbsthilfe.

Wichtig ist, dass die Selbsthilfegruppen nicht einfach Lücken füllen, die die öffentliche Gesundheitsversorgung aufgrund von knappen Ressourcen offenlässt. Die Selbsthilfebewegung bietet nicht dieselbe Leistung für weniger Geld, sondern steht für einen anderen Typus von Versorgung, einen Perspektivwechsel, der charakteristisch ist für bürgergesellschaftliche Partizipationsstrukturen: In der Perspektive der sozialstaatlichen Versorgungssysteme erscheinen die Leistungsempfänger als Objekte der Fürsorge, schwach und hilfebedürftig, gezeichnet durch spezifische Defizite, die sie aus eigener Kraft nicht bewältigen können.

Im System der Selbsthilfe hingegen agieren die Kranken als Subjekte mit eigenen Ressourcen und Kompetenzen: Sie nutzen ihr eigenes Potenzial, ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten, um mit ihrer Krankheit zu leben oder sie zu überwinden und aktivieren in diesem Sinne genau das Moment von Eigenverantwortung und Eigenleistung, ohne das therapeutische Prozesse nicht erfolgreich sein können.

Just darin liegt die Unverzichtbarkeit als auch der spezifische Beitrag der Selbsthilfegruppen und vergleichbarer Betroffenenorganisationen zur Gesundheitsversorgung: Sie aktivieren die betroffenen Menschen als Subjekte ihrer eigenen Gesundheit und leisten damit einen Beitrag, den das Gesundheitssystem aus qualitativen, strukturlogischen Gründen nicht zu leisten vermag. Sie ersetzen damit nicht Leistungen des professionellen Gesundheitswesens, sondern ergänzen es komplementär.

Aufgrund dieser Einsicht erhält die Selbsthilfe in Deutschland inzwischen öffentliche Förderung durch die Krankenkassen. Diese Organisationen brauchen finanzielle Mittel - für Kontaktstellen, an die sich Betroffene wenden können, für Öffentlichkeitsarbeit, mit der sie ihre Existenz und ihr Wissen kommunizieren können, für Räumlichkeiten, in den man arbeiten und sich treffen kann et cetera. Und weil ihre Arbeit von hohem öffentlichen Interesse und Nutzen für die Gesellschaft ist, hat sich der Gesetzgeber entschieden, die notwendige finanzielle Grundausstattung mit einem bestimmten jährlichen Betrag von 0,50 Euro pro Versichertem, das heißt mit circa 36 Millionen Euro pro Jahr, zu fördern. Die Selbsthilfegruppen können bei den Krankenkassen Anträge auf Unterstützung ihrer Projekte aus diesem Fonds stellen.

Besser geht´s nicht: Statt vom Staat alimentiert zu werden, erhalten die Selbsthilfegruppen finanzielle Unterstützung für ihre Grundausstattung aus dem privaten Topf der Krankenkasse, sprich: der Beitragszahler. Das Modell wird dringend zur Nachahmung empfohlen.

Kassandra muß nicht Recht behalten

Keiner wird bestreiten, dass wir uns gegenwärtig in Zeiten der Krise befinden, aber bürgerschaftliches Engagement bietet die Chance, Demokratie und Sozialstaat in Deutschland in mancherlei Hinsicht neu zu erfinden. Orientiert an der Vision größtmöglicher Selbstbestimmung und Gestaltungskompetenz der engagierten Bürgerinnen und Bürger, die kooperativ und nach demokratischen Regeln ihr Gemeinwesen organisieren, könnte die konsequente Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche durch bürgerschaftliches Engagement zur Grundlage eines neuen Gesellschaftsvertrags werden.

Das Leitbild der Bürgergesellschaft gibt in allen Politikbereichen wichtige Orientierungen für die nötigen Reformen in Staat und Gesellschaft, die vor uns liegen - und damit eine echte Alternative zu den düsteren Prophezeihungen einer allgegegenwärtigen Kassandra. Ihr und uns sei mit Max Frisch die Frage gestellt: "Kassandra, die Ahnungsvolle, die scheinbar Warnende und nutzlos Warnende, ist sie immer ganz unschuldig an dem Unheil, das sie vorausklagt?" Könnte sich auf diese Weise alle Schwarzmalerei am Ende bewahrheiten, als sich selbst erfüllende Prophezeiung? Muss nicht sein, meine ich. Ich setze auf die Wiederentdeckung der Solidarität: als Bürgergesellschaft!